Warum das Einschießen mehr ist als nur „Fleck auf 100“
Welche Methode zum Einschießen von Langwaffen die „Beste“ darstellt, ist in erster Linie abhängig vom Anwendungsfall. Wird die Waffe z.B. „Fleck“ auf 100m eingeschossen, trifft diese präzise auf 100m. Ist es das Ziel, diese Präzision auf unterschiedliche Entfernungen beizubehalten, so muss für jedes Ziel die Entfernung bestimmt werden und abhängig der ballistischen Daten der verwendeten Waffe / Munitionskombination und unter Berücksichtigung äußerer Einflüsse, Anpassungen am Haltepunkt oder der Zieleinrichtung vorgenommen werden. Das birgt Fehlerpotenzial – besonders unter Stress.
Was bei der Wahl der richtigen Einschießmethode wirklich wichtig ist, ist die pragmatische Betrachtung der individuellen Prioritäten. Wie genau muss meine Waffe Ihr Ziel für meinen Anwendungsfall treffen damit mein Ziel erreicht wird? Eine alternative Methode ist der sogenannte „durchgehende Visierbereich“, auch bekannt als Battlefield Zero oder Gefechtsfeldvisierung. Diese Einschießmethode minimiert die Notwendigkeit für Korrekturen am Absehen – mit einem klaren Ziel: konstant auf ein Ziel mit definierter Fläche zu treffen, ohne den Haltepunkt zu verändern. Der Unterschied ist deutlich. Fleck eingeschossenen Waffen benötigen eine Entscheidung des Schützen wie präzise getroffen werden muss und wie das jeweils zu erreichen ist. Beim durchgehenden Visierbereich wurde diese Entscheidung bereits im Vorfeld getroffen.
Das Grundprinzip des durchgehenden Visierbereichs
Statt die Waffe auf eine feste Entfernung „Fleck“ einzuschießen, optimiert man hier die Einstellung so, dass die Flugbahn des Geschosses innerhalb eines festgelegten Toleranzbereichs um die Visierlinie bleibt.
Dazu ein kurzer Exkurs in die Ballistik – versprochen, nur das Nötigste:
- Die Visierlinie ist eine gedachte Gerade vom Auge durch die Optik bis zum Ziel.
- Die Geschossflugbahn beschreibt dagegen eine gekrümmte Flugbahn (Parabel).
- In der Regel schneidet die Flugbahn die Visierlinie zwei Mal: Einmal beim Anstieg des Geschosses, und ein zweites Mal beim Absinken.
- Der höchste Punkt der Flugbahn – der Scheitelpunkt – liegt dazwischen.
Beim durchgehenden Visierbereich stellen wir die Zieloptik so ein, dass der Scheitelpunkt gerade noch innerhalb des vertikalen Toleranzbereichs liegt, den uns unser (übliches) Ziel vorgibt.
Was ist eine „Treffertoleranz“?
Ganz einfach: Der Bereich, innerhalb dessen ein Treffer noch als „akzeptabel“ gilt. Wer z. B. auf eine 40 cm hohe Fallscheibe zielt, muss diese nicht mittig treffen – ein Treffer auf der Scheibe reicht. Präzision ist bei dieser Methode kein fester Wert sondern immer abhängig von der Zielgröße zu betrachten.
Halbe Zielhöhe = Toleranzbereich
In unserem Beispiel mit einer Zielgröße von 40cm wären das ±20 cm um die Visierlinie. Solange die Flugbahn nicht mehr als 20 cm über oder unter die Visierlinie abweicht, gilt: Mitte anhalten – Zielfläche wird getroffen.
Praxisbeispiel: Peter und die Fallscheiben
Peter ist Anfänger und wird von Freunden zu einem Vereinswettkampf eingeladen. Die Aufgabe: Fallscheiben auf Distanzen zwischen 50 m und 300 m treffen. Die Scheiben sind 40 cm hoch.
Peter weiß: Ein Treffer irgendwo auf der Scheibe reicht.
Peter ist Pragmatiker und möchte möglichst viel Fehlerpotential eliminieren.
Was macht er?
Er nimmt sich seine .223 Rem und schießt „Fleck“ auf 30 m ein – den ersten Schnittpunkt zwischen Geschossflugbahn und Visierlinie. Der höchste Punkt der Flugbahn (Scheitelpunkt) liegt dabei knapp unter 20 cm über der Visierlinie, das Geschoss fällt auf 300 m bis auf 20cm unter die Visierlinie. Ergebnis: Peter kann von 0 m bis 300 m einfach auf die Mitte der Scheibe zielen – und trifft.
Seine Freunde sind überrascht. Peter ist entspannt. Mission erfüllt.
Wie bestimme ich meinen durchgehenden Visierbereich?
Es gibt drei Ansätze – jeder mit seinen eigenen Vor- und Nachteilen:
1. Probieren
Du beschießt Zielscheiben auf verschiedene Entfernungen und misst die Abweichung vom Haltepunkt. So erhältst du ein realistisches Bild der Flugbahn deiner Waffe-Munition-Kombi.
2. Rechnen
Mit den richtigen Formeln lässt sich die ballistische Flugbahn simulieren. Die zugrunde liegenden Gleichungen lauten in etwa wie folgt:
dvx/dt = -0.5 * rho * Cd * A * vx * sqrt(vx^2 + vy^2) / m
dvy/dt = -g - 0.5 * rho * Cd * A * vy * sqrt(vx^2 + vy^2) / m
dx/dt = vx
dy/dt = vy
Variablen:
- vx, vy: Geschwindigkeitskomponenten
- rho: Luftdichte (z. B. 1.225 kg/m³)
- Cd: Luftwiderstandsbeiwert
- A: Querschnittsfläche
- m: Masse des Geschosses
- g: Erdbeschleunigung (9.81 m/s²)
Komplex (und hier nur vereinfacht und ggf. falsch) – aber grundsätzlich möglich. Alternativ:
3. Rechnen lassen
Nutze einen Ballistikrechner oder nimm die Werte aus verlässlicher Fachliteratur. Für .223 Rem und eine 40 cm hohe Zielfläche ergibt sich zum Beispiel ein durchgehender Visierbereich bis ca. 300 m, bei einem Einschießpunkt auf 30 m. Auch hier nur Näherungsweise. Der durchgehende Visierbereich ist abhängig von vielen Faktoren wie Zielhöhe, Geschossgeschwindigkeit, Geschossgewicht, Offset, u.s.w.
Fazit: Weniger Fehler, mehr Treffer
Der durchgehende Visierbereich ist eine pragmatische, fehlertolerante Methode, mit der man bis zu einer bestimmten Distanz zuverlässig Ziele einer zuvor definierten Größe trifft – ohne Änderungen am Haltepunkt. Während die hier beschriebene Methode militärischen Ursprungs ist lässt sich diese auf viele Fälle anwenden. Den meisten Jägern ist z.B. die Günstigste Einschießentfernung (GEE) ein Begriff, die auf dem selben Prinzip beruht. Ich möchte mit diesem kurzen Ausflug schlicht dazu anregen, sich über das zu erreichende Ziel Gedanken zu machen und einen pragmatischen Ansatz zu wählen.
Wichtig: Diese Methode ist keine „Eierlegende Wollmilchsau“. Sie ersetzt nicht andere Konzepte sondern ergänzt die Möglichkeiten die ein Schütze hat. Aber sie ist ein starkes Werkzeug für Anwender, die z.B. unter Zeitdruck agieren und mit einer relativen Präzision Ihre Ziele erreichen können.
Du brauchst nur zwei Dinge:
- Eine definierte Zielgröße (→ halbe Höhe = Treffertoleranz)
- Eine präzise Flugbahnprognose (probieren, rechnen oder rechnen lassen)
Beste Grüße und bis zum nächsten Mal